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Klinikclowns

Wer kennt sie nicht, die Traurigkeit und das Leid in einem Krankenhaus? Besonders Kinder leiden unter der ernsten, unverständlichen und ungewohnten Umgebung. Durch eine Krankheit wurden sie aus ihrer gewohnten Welt herausgerissen und von ihren Freunden getrennt, daher ist es nicht verwunderlich, dass viele von ihnen Angst haben und sich eingeschüchtert in ihren weißen, trostlosen Zimmern verkriechen.

Doch seit 1985 gibt es ein Gegengewicht zum trostlosen Klinikalltag: die Klinikclowns.

Wie bitte? Clowns im Krankenhaus? Späße und Gelächter hier, wo der Ernst des Lebens regiert? Klamauk und Poesie im Reich von Tod und Schmerz? Bunte Gestalten mit zweifelhaften Manieren inmitten von hochseriösen Würdenträgern im gestärkten weißen Kittel? Das Quietschen einer Trompete in den schallgedämpften Wartarealen, in denen man kaum zu flüstern wagt?

Aber klar doch! Die Klinikclowns können die Kinder nicht heilen, doch sie bringen ihnen etwas mit, das oft wertvoller ist als manches Antibiotika: Humor.

Geschichte

Der geistige Vater der Humormedizin ist der Arzt Patch Adams, dessen Geschichte Hollywood schon verfilmt hat. Das große Anliegen von Patsch Adams ist, die Lebensqualität des Patienten zu verbessern, indem der Heilungsprozess mit Humor angereichert wird. Er ist der Gründer des Gesundheit! Institute, eines Krankenhauses, in welchem der Humor der wichtiger Bestandteil der Behandlung ist. Patch Adams tritt oft als Clown auf, doch sieht man in ihm nicht den Erfinder der Klinikclowns, sondern eher den Entdecker des medizinischen Humors.

Die Geschichte der Klinikclowns begann etwas später, und zwar Mitte der 80er Jahre in New York. Michael Christensen, der Mitbegründer des New Yorker Stadtzirkusses Big Apple Circus, kam einer Einladung nach, aus Anlass eines Festes als Clown im Kinderkrankenhaus aufzutreten. Gemeinsam mit anderen Clowns aus seinem Zirkus erscheint er mit weißem Kittel und roter Clowns-Nase auf der Veranstaltung. Diese Vorstellung erzielte einen umwerfenden Erfolg und Christensen kam die Idee, kranke Kinder regelmäßig auf ihren Stationen als Clown-Doktor zu besuchen. Schon nach kurzer Zeit war das Projekt überall in den USA bekannt und die Nachfrage von anderen Krankenhäusern so gewaltig, dass Christensen die Clown Care Unit gründete. Mit diesem Projekt konnte das Clown-Doctoring professionell organisiert werden. Heute beschäftigt die Clown Care Unit über 90 Clowns.

Anfang der 90er Jahre trugen große Artikel in verschiedenen Zeitschriften dazu bei, dass die Idee auch auf den europäischen Kontinent überschwappte und dort viele Menschen erreichte, die dem großen Vorbild Michael Christensen nachahmten. Die erste deutsche Clownsspechstunde fand 1994 statt und wurde von Laura Fernandez, einer ehemaligen Kollegin Christensens, ins Leben gerufen. Mittlerweile existieren in Deutschland ungefähr 50 Projekte, Tendenz steigend.

Selbst Michael Christensen staunt über diese positive Entwicklung: Es ist etwas Größeres als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Ich hätte nie geglaubt, dass meine Arbeit in New York so viele Menschen dazu inspirieren würde, so vielen Menschen auf so viele Arten zu helfen.

Ein typischer Klinikclown-Besuch und seine Wirkung

Sie heißen Prof. Dr. Dr. Mehlwurm oder Frau Dr. Tolpatsch und wenn man es nicht besser wüsste, würde man denken, es handelt sich hier um ganz normale Clowns. Doch man täuscht sich, denn sie sind mehr als nur Spaßmacher, mehr als verkleidete Erwachsene. Dies wurde mir bei einem Besuch der Uniklink Göttingen bewusst. Mit dem Ziel, die Wirkung des Lachens auf kranke Kinder zu untersuchen, sah ich den Klinikclowns Kuddel Muddel und Tortellini bei ihrer Arbeit zu.

Als ich den Warteraum, den verabredeten Treffpunkt mit den Clowns, betrete, tut sich vor mir die typische Atmosphäre auf: Gedämpfte Stimmen, unruhige, ängstliche Kinder und nervöse Mütter, die der Untersuchung ihres Kindes skeptisch entgegen sehen. Doch dies ändert sich schlagartig, als sich die Mikrowelle (der Fahrstuhl) öffnet und zwei bunte Clowns mit einem großen, geheimnisvollen Wagen den Warteraum betreten.

Es ist faszinierend, zu sehen, wie sich die Gesichtsausdrücke der beiden Mädchen, die sich mit ihren Müttern im Raum befinden, ändern: Sie lächeln. Eines der beiden Kinder sieht die Mutter mit einem Ausdruck an, der zu sagen scheint: Pass auf, jetzt wird`s lustig!

Und so war es auch: Kuddel Muddel und Tortellini versuchen mit ihrem großen Wagen in die Mitte des Raumes zu gelangen, stoßen jedoch immer wieder gegen die Stühle und bleiben nach vielen gescheiterten Versuchen ratlos stehen und sehen aus wie begossene Pudel. Doch glücklicherweise sind ja die beiden Mädchen da, die unter lautem Lachen immer wieder Ratschläge geben und letztendlich die Sache selbst in die Hand nehmen. Sie befördern den Wagen ohne jegliche Probleme und voller Stolz in den Raum.

Aber damit noch lange nicht genug! Nun endlich in der Mitte des Raumes stehend, betrachten die beiden Spaßmacher die anwesenden Personen und stellen staunend fest, dass alle sitzen und entschließen sich, es nachzumachen. Doch anscheinend sieht das Sitzen einfacher aus, als es in Wirklichkeit ist. Kuddel Muddel und Tortellini holen sich wieder die beiden Mädchen zur Hilfe und lassen sich von ihnen den Vorgang des Sich-Hinsetzens genauestens erklären. Doch ständig machen sie etwas falsch und setzen sich z.B. auf die Knie und legen den Oberkörper über die Stuhllehne. Das laute Lachen der beiden Mädchen hallt im gesamten Raum wieder und zeigt, dass sie keinen Gedanken mehr an die bevorstehenden Arztbesuche verschwenden. Bald beschließt das kleine Mädchen mit den Zäpfen, diesen Vorgang, der ihr bis zum heutigen Tag immer so einfach erschien, langsam und zum Mitmachen vorzuführen. Es gelingt ihr tatsächlich so gut, dass es sogar die ungeschickten Clowns verstehen und nach einer Weile erschöpft auf ihren Stühlen sitzen. Zum wiederholten Male wieder hatten die beiden Mädchen ein Erfolgserlebnis, das sie etwas stärker, größer und selbstbewusster macht.

Dann wird es plötzlich ruhig. Niemand sagt etwas, alle warten gespannt, was Kuddel Muddel und Tortellini als Nächstes anstellen. Nach einer Weile fragt Kuddel Muddel: Und was macht man so in einem Warteraum? Da ruft das ältere der beiden Mädchen: Man hat Langeweile! Natürlich will Tortellini sofort wissen, ob Langeweile eine Krankheit sei und wird von den beiden Mädchen prompt ausgelacht. Erneut versuchen sie, den beiden Spaßmachern zu erklären, dass man Langeweile hat, wenn man nicht weiß, was man machen soll. Daraufhin sind die Clowns still, bis plötzlich Kuddel Muddel aufspringt, ein langes rotes Seil holt und das Mädchen mit den langen blonden Haaren bittet, ihm doch einmal zu zeigen, wie lang die Langeweile sei. Das Mädchen steht sofort lachend auf und beginnt, die Länge der Langeweile in einem Warteraum mit Hilfe des Seiles und eines Maßbandes in kg zu messen. Zum ersten Mal schaut sie dabei nicht ständig zu ihrer Mutter. Im Gegenteil, es scheint, als hätten sie und die beiden Clowns die triste Welt des Krankenhauses um sich herum völlig vergessen.

Doch die beiden neugierigen Clowns wollen noch viel mehr wissen. Zum Beispiel, wo im Körper die Langeweile sitzt. Diese Frage können die beiden Mädchen nicht beantworten, aber Kuddel Muddel und Tortellini wären keine Clowns, wären sie nicht einfallsreich. Also kramen sie aus ihrem großen Wagen ein Langeweile-Messgerät heraus, halten es an den Körper der Mädchen und erforschen das Körperteil mit der größten Langeweile.

Spätestens in diesem Moment war mir klar, dass die Arbeit der Klinikclowns viel zu sehr unterschätzt wird. Dieses glückliche Mädchen, welches vor einer halben Stunde noch ängstlich und eingeschächtert neben ihrer Mutter gesessen hat, ist der beste Beweis!

Dann müssen sich Kuddel Muddel und Tortellini verabschieden. Als kleines Dankeschön für das Vertreiben der Langeweile werden sie sogar bis zur Mikrowelle begleitet und auch nachdem sie in dieser verschwunden sind, lächeln die beiden Mädchen noch immer.

Doch die beiden Clowns haben noch lange keinen Feierabend. Für sie geht`s jetzt auf die nächste Station. Auch hier bringen sie sofort Freude in den tristen Raum. Auf dem Gesicht des Mädchens, welches sich hier mit ihren Eltern befindet, spiegelt sich zunächst Unsicherheit wider. Doch Kuddel Muddel und Tortellini machen ihr sofort klar, dass es gar keinen Grund gibt, sich vor ihnen zu fürchten. Schon nach ein paar Minuten haben die Beiden ihr volles Vertrauen und das Mädchen erzählt von ihrem größten Wunsch – einem Pferd. Das lassen sich die Medi-Clowns nicht zweimal sagen und schon sitzt Tortellini auf einem Schaukelpferd und lässt sich das Reiten beibringen. Dann kommt eine Schwester und ruft das Mädchen auf, doch bevor es den Raum verlässt, dreht es sich noch einmal um und lächelt dankbar.

Den Klinikclowns ist jedoch keine Verschnaufpause gegönnt, denn schon öffnet sich die Mikrowelle erneut und die 6-jährige Michelle kommt gemeinsam mit einer Krankenschwester herein. Sie hat sich extra von einer anderen Station herbringen lassen, um die Clowns sehen zu können.

Doch auch sie ist zunächst sehr zurückhaltend, setzt sich erst einmal hin und beobachtet das Treiben. Natürlich bemerken die beiden Klinikclowns sofort, dass Michelle zunächst erst einmal nur zuschauen möchte und tun ihr den Gefallen.

Doch auf einmal hört man ein Wiehern aus dem Wagen und Tortellini ruft erfreut: Oh, ein Hahn! Wie schön! Sofort lächelt Michelle und erklärt noch ein wenig zurückhaltend, dass es sich hier um ein Pferd handelt. Augenblicklich sind die drei in ein Gespräch vertieft und Michelle scheint nicht einmal zu bemerken, dass die Krankenschwester telefonieren geht.

Zum Schluss schießen Kuddel Muddel und Tortellini ein imaginäres Foto als Andenken an ihren Besuch und verabschieden sich dann von einer lachenden Michelle.

Die beiden Klinikclowns haben jedes der Kinder innerhalb von Minuten in ihren Bann gezogen. Sie wussten ganz genau, wie sie auf die Kinder zugehen müssen und wann es vielleicht doch etwas besser ist, sich zunächst zurückzuhalten. Mit Hilfe ihres großen Einfühlungsvermögens und ihres Könnens haben sie aus nervösen, unruhig zappelnden, kranken, kleinen Patienten lauthals lachende, fröhlich umherhüpfende Kinder gemacht, die zwar noch immer krank waren, doch diese Nebensächlichkeit für einen Moment völlig vergessen haben.

Konzept und Ziele

Während meines Besuches der Klinikclowns überwältigten mich schon nach kurzer Zeit die Auswirkungen dieses bunten Treibens der Clowns.

Schnell wurde mir klar, dass ihr Geheimrezept eine Mischung des ausgelassenen Lachens mit einer großen Portion Sensibilität ist. Jedes Kind bekommt sein eigenes improvisiertes Programm, in dem die Zutaten dieses Rezeptes ausgeglichen vorhanden sein müssen. Es ist ein Trugschluss, dass während der Clowns-Besuche durchgehend gelacht wird. Ebenso wichtig ist das individuelle Eingehen auf den kleinen Patienten. Vor jedem Besuch wird zunächst seine physische und psychische Verfassung bei den Schwestern und Ärzten erfragt. Dieses Wissen, welches der Schweigepflicht unterliegt, ermöglicht ein effektives Arbeiten mit den Kindern.

Ebenso legt man sehr viel Wert auf das freiwillige Lachen der Patienten. Ein Medi-Clown betritt niemals ein Zimmer ohne vorher angeklopft und um Einlass gebeten zu haben. Sollte ein Kind strikt gegen einen Besuch der Spaßmacher sein, wird dieser Wunsch natürlich akzeptiert. Das Ziel dieses Projektes ist schließlich, die Kinder zum Lachen zu bringen und nicht, sich zu verkrampfen oder aufzuregen.

Ebenfalls sollen während der Besuche die spielerische Seite des Kindes gefördert und seine Selbstheilungskräfte aktiviert werden. Dies wird erreicht, indem die Kinder stets in die Späße der Clowns einbezogen werden und sich ihrer gesunden Seite angenommen wird, d.h. im Gegensatz zu den Ärzten, gibt es bei den Clowns auch andere Gesprächsthemen als die Krankheit. Diese Strategie wurde auch bei Kuddel Muddel und Tortellini deutlich. Sie ließen das Thema Krankheit bewusst außen vor und kümmerten sich u.a. um die Träume und Wünsche der Patienten. Somit wird den Kindern das Kind-Sein im Krankenhaus wieder ermöglicht. Ein weiteres Ziel des Mediclown-Projektes ist das Stärken des Lebensmutes und Selbstbewusstseins der kleinen Patienten. Eine Realisierung dieses Vorhabens wird u.a. durch das ständige Scheitern des Clowns erreicht (siehe Versuch Kuddel Muddels und Tortellinis in den Raum zu gelangen). Das Kind sieht diesen tollpatschigen, trotteligen Erwachsenen, der immer wieder versagt und doch sein Lächeln auf dem Gesicht und den Optimismus nicht verliert. Diese Situation, in der ein Erwachsener die Hilfe eines Kindes benötigt ist etwas Besonderes für den kleinen Patienten, lässt ihn stärker werden, zeigt, dass das Scheitern zum Leben gehört und fordert ihn auf, ebenfalls immer wieder aufzustehen und sich nicht unterkriegen zulassen.

Ein weiteres wichtiges Ziel ist es, dem kranken Kind in dieser schweren Zeit ein Freund zu sein. Oft versuchen Ärzte und Eltern das Kind mit Hilfe des sogenannten aufgesetzten Zweckoptimismus zu schonen, indem sie ihm immer wieder vormachen, dass die Krankheit bald überstanden sei und es unbewusst mit seinen Fragen und Ängsten völlig allein lassen. Die Clown-Doktoren dagegen, haben immer ein offenes Ohr und sprechen über Dinge, die für die meisten Erwachsenen ein großes Tabu sind. Somit wird der Clown zum Verbündeten des Kindes und zusammen können sie spielen, lachen und wenn hilfreich- auch weinen.

Der Mensch hinter der Schminke

Hinter der roten Nase und der Schminke eines Klinikclowns befindet sich ein ganz normaler Mensch. Erst nachdem die Nase aufgesetzt wurde, wird aus diesem der beste und lustigste Freund der kranken Kinder.

Doch nicht nur die Verkleidung, sondern auch eine professionelle Ausbildung kennzeichnet einen Klinikclown. Nach einem eindringlichen Gespräch über die Motive der sich bei einem Klinikclown-Verein bewerbenden Person, wird ihr die Gelegenheit gegeben, für einige Tage den Clown-Doktoren bei ihren Einsätzen zuzusehen und während dieser Zeit Talent zur Kreativität und Improvisation, Einfühlungsvermögen, Spielfreude sowie seelisches Gleichgewicht und Stabilität unter Beweis zu stellen.

Sollte der Bewerber künstlerische Erfahrungen nachgewiesen haben, sich in einem guten gesundheitlichen Zustand befinden und gezeigt haben, dass er sich für diese Tütigkeit eignet, findet ein halbjährliches Trainingsprogramm statt. Inhalte der Ausbildung zum Mediclown sind z.B. Schauspielunterricht, das Erlernen von Zauberkunststücken und das Erzählen von Geschichten aus dem Stegreif. Ebenso erführt man, worauf im Krankenhaus besonders geachtet muss und wie man Kinder gezielt zum Lachen bringt.

Jedoch kaum einer der Klinikclowns arbeitet ausschließlich im Krankenhaus. Die psychische Belastung wäre viel zu groß. Die meisten Mediclowns haben außerdem noch einen Brotberuf . Diese Berufe können von künstlerischer Natur sein, jedoch gibt es auch Klinikclowns, die in ihrem normalen Leben als Bankkaufmänner, Lehrer, Anwälte oder sogar Pfarrer tütig sind.

Literaturhinweise:

Was ich mir wünsche ist ein Clown (von Anja Doehring und Ulrich Renz, Weinheim)
Die heilende Kraft des Lachens (von Michael Titze, München)
Therapeutischer Humor. Grundlagen und Anwendungen (von Michael Titze, Christof T. Eschenröder, Frankfurt)
Länder des Lachens (von Heiner Uber, Papu Pr. Mondhe, München)

Sabrina Görke

Erfahrungen und Beispiele aus der Ergotherapie*

Stellen Sie sich vor, Sie werden durch ein gravierendes Ereignis (Unfall oder Krankheit) aus der Alltagsroutine gerissen und mit dem Verlust Ihrer gewohnten Handlungsfreiheit konfrontiert. Normale Verrichtungen wie Körperpflege, Ankleiden, Benutzen von Arbeitsgeräten, Kommunikations- oder Verkehrsmitteln werden regelmässig zum Misserfolg oder zum beschämenden Hindernislauf.

Je länger eine solche Aus-Zeit dauert, desto stärker gerät das eigene Wertgefühl ins Wanken, und bange Fragen tauchen auf: Kann ich meinen Alltag überhaupt wieder selber bewältigen? Oder werde ich langfristig auf fremde Hilfe angewiesen sein? Wer bin ich dann (noch?) am Arbeitsplatz, in der Familie, in der Gesellschaft?! Das Lachen kann einem schnell abhanden kommen, Lebensfreude erstarrt, Zukunftsangst macht sich breit.

Ergotherapie*, die zum Ziel hat – trotz vielfältigen Traumafolgen – baldmöglichst alle verfügbare Eigenaktivität beim Patienten zu mobilisieren, und bereits in der Klinik praktische Handlungsfelder – trotz Einschränkungen – (wieder) zu erproben, setzt beim gesunden Potential des Individuums an. Beim Aufbau eines alltagsrelevanten Trainingsprogramms wird sie – wo immer möglich – auch Spass und Heiterkeit als Kraftquelle nutzen und fürdern. Dies beginnt meist schon bei der ersten Kontaktaufnahme: Humor ist oft besser geeignet als tröstliche Worte, um Verkrampfungen zu lösen und die ehrfurchtsvolle, manchmal geradezu lähmende Distanz zu den „Experten in Weiss“ zu überbrücken.

Ich erinnere mich zum Beispiel an einen älteren Mann, der sehr eingeschüchtert zur ambulanten Hand-Sprechstunde kam und seine operierte Hand steif wie ein nicht zu ihm gehöriges „Ersatzteil“ auf den Untersuchungstisch „stellte“. Es ging darum, die Fäden zu entfernen und dann die Greiffunktion und Fingerbeweglichkeit zu testen. Arzt, Physio- und Ergotherapeutin diskutierten den möglichen Therapieplan, während der Patient stumm und gebannt alles über sich ergehen liess. Einer bestimmten Beobachtung und einer plötzlichen Laune folgend, liess ich mich dazu hinreissen, ihn mit ebenso unbewegter Miene zu fragen:“Und, – was sagt denn eigentlich ihr Wellensittich dazu, dass Sie ihn nur mit Mühe versorgen können?“ Das brachte Leben in die Szene. Er fuhr herum, starrte mich ungläubig an und stotterte: „… woher wissen Sie, dass ich einen Vogel habe?“ Es folgte Totenstille, – die ganze Runde war einen Moment lang völlig aus dem Konzept gebracht. Da ich aber unverwechselbare „Hinterlassenschaften“ eines Sittichs auf der Schulterpartie der Jacke des Mannes entdeckt hatte, war ich meiner Sache sicher und befragte ihn ungerührt weiter zu den Gewohnheiten seines Lieblings, worauf er sofort lebhaft und gesprächig reagierte. Der ganze Mensch wirkte wie verwandelt: vom schicksalsergebenen „Urteilsempfänger“ zum vergnügten und seinerseits kenntnisreichen Individualisten!

Nach der ersten Verblüffung brach nun auch bei der medizinischen Expertenrunde spontan allgemeine Erheiterung aus. Die Atmosphäre hatte sich grundlegend gewandelt: aus der gespannten Anonymität war ein lockeres gegenseitiges Wohlwollen entstanden. Auch bei den später folgenden anstrengenden Therapiesequenzen liess sich immer wieder beim Spass der ersten Stunde anknüpfen.

Humor befreit, kann Brücken schlagen – auch zwischen ungleichen Parteien – und kann in neckender Zuwendung ein partnerschaftliches Wir-Gefühl entstehen lassen. Dies ist für mich als Ergotherapeutin und Ausbildnerin von unschätzbarem Wert, denn der Kampf zur Wiedergewinnung oder Erweiterung von Fähigkeiten und Fertigkeiten in Ausbildung oder Rehabilitation verlangt viel Einsatz von allen Beteiligten. Ohne Humor kann ein ursprünglich gesunder Drang zur eigenen Optimierung leicht zu einem verbissenen und manchmal – ungewollt – zu einem gegenseitig frustrierenden, deprimierenden Leistungsdruck verkommen.

Handlungsfreiheit erarbeiten als Ziel von Lernsituationen überhaupt (und ganz besonders in der Rehabilitation!) gelingt viel leichter und besser mit der Würze eines positiven zugewandten Humors. Dieser erlaubt eine konstruktive Art der Konfrontation mit schmerzlichen Realitäten, federt Rückschläge und Versagensmomente ab und ermöglicht ein sich lösen von Scham über ein subjektiv deutlich erlebtes eigenes Unvermögen. Das kähne, normensprengende Flair eines passenden Witzes, das herausfordernde Wohlwollen einer deutlich erwünschten, gemeinsamen Scherzkultur bannt den tödlichen Ernst und schafft eine Atmosphäre, die Menschlichkeit mit allen Emotionen zulässt. Dadurch wird einsam angehäufter Ballast abgebaut, der sonst Kräfte bindet; es wird möglich, unwillkürlich über sich selbst zu schmunzeln, und – im Idealfall wird die Neugier und Experimentierfreude des sonst längst zur Raison gezwungenen früheren Kindes in uns hervorgelockt.

In diesem Bewusstsein konnte ich oft Schreck- und Frustrationsmomente entschärfen bei Patienten, welche zum Beispiel ihre verletzten Körperteile nach mehrwöhigem Gipsverband wieder zu Gesicht bekamen (in ihrer Vorstellung wähnten sie sich bereits als geheilt!) – und nun den Anblick als unerwartet kläglichen Enttäuschung erlebten. Die ursprüngliche Angst-Dramatik die dem Ereignis des erstmaligen „Auspackens“ anhaftete, konnte in eine bewusst gewählte Spieldramatik umgewandelt werden, wenn es in witziger Weise gelang, diese „Szene“ entweder als Vernissage (Enthüllung eines Kunstobjektes) oder als Befreiungsakt aus dem Kerker, oder als Geburtsminute zu feiern…!

Der humoristische Ansatz vermittelt Abstand, ermöglicht neue Blickwinkel und eine Haltung des „Trotzdem“ – die Kräfte freisetzt. Humor erlaubt ein gewisses augenzwinkernd heiteres sich Hinwegsetzen über die unmittelbar kränkenden und bedrückenden Einschränkungen einer Situation. Dies ist von grossem Wert bei der Entwicklung eines „langen Atems“ im Kampf um immer neue Stufen der äusseren und inneren Unabhängigkeit. Eine Berufskollegin, die in ihrer Arbeit an einer grossen Universitätsklinik ihren feinen Humor bewusst nutzt und fördert, schrieb mir zum Jahreswechsel: Humor ist wie die Federung beim Auto. Man könnte auch ohne fahren, aber wer möchte das schon!

Humor gedeiht leichter und spontaner auf vertrautem Nährboden.

In der Ergotherapie-Abteilung wo (im Kontrast zu den sonst eher diszipliniert geordneten und blitzsauberen übrigen Spitalbereichen) alltägliche Arbeitsgeräte herumliegen, und eine Vielzahl von Materialien, Werkzeugen und praktischen Hilfsmitteln das Bild prägen, kann auch mal der Eindruck einer „vertrauten Unordnung“ entstehen. Dies lässt auch Situationskomik aufkommen und bietet Gelegenheit zu humoristischen Neckereien und Persiflagen. Einer meiner Lieblingswitze, mit welchem ich mich selbst bewusst zur Karikatur anbiete, ist der folgende: 4 Berufsleute (ein Jurist, ein Chirurg, ein Ingenieur und eine Ergotherapeutin) treffen sich an einem Kongress und diskutieren, wer wohl hier den ältesten Berufsstand vertritt. Der Jurist brüstet sich: „Ich übe das älteste Metier aus, welches unschlagbar weit zurückdatiert: Als Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, war das ein juristischer Akt!“ – „Nichts da,“ entgegnet der Chirurg, „unsern Stand gibt’s noch länger, denn als Eva aus der Rippe von Adam geformt wurde, war dies ja offensichtlich ein chirurgischer Akt!“ – „Halt!“ wehrt sich der Ingenieur entschieden: „Die Teilung von Wasser und Land zu Anbeginn der Schöpfungsordnung war eine Ingenieur-Aufgabe..!“ Da meldet sich die Ergotherapeutin verschmitzt: „.. wo denkt ihr denn, dass das Chaos herkam..?!“

Viele Patienten, welche zunächst das Lachen verloren hatten, als Betroffene unserer für den Laien oft beängstigenden hochtechnisierten westlichen Spitzenmedizin, tauen in dieser humorvoll-kreativen Werkumgebung meist auf, sie fangen wieder an, Ideen zu entwickeln und Eigenverantwortung zu übernehmen.

Wiedererwachender Sinn für Humor ist in vielen Fällen ein Zeichen dafür, dass der Patient sich aus der reinen Opferrolle herausbewegt. Dies wiederum stärkt die Basis für eine partnerschaftliche, optimistische gemeinsame Lösungssuche bei der Bewältigung von Alltagsanforderungen. Das Leben „in den Griff zu kriegen“ ist – nicht nur für Handverletzte – ein sich wiederholender Prozess der Neu-Orchestrierung eines veränderten Instrumentariums. Wer dazu die Hilfen Anderer annehmen und humorvoll als willkommene Ergänzung nutzen kann, wird weiterkommen. Jedes Individuum hat seine besonderen Fähigkeiten und Schwächen. Diese mit heiterer Gelassenheit zu erkennen und im gegenseitigen Einvernehmen gemeinsam zu nutzen, bringt beidseitig echten Gewinn. Diese existentielle Erkenntnis scheint – wie die Überlebensenergie des Humors überhaupt – in vielen ganz unterschiedlichen Kulturen verankert zu sein. Ich selber habe diese Grundwahrheit oft und in vielfältiger Weise erlebt in meiner beruflichen Reisetätigkeit sowohl in „Hightech“-Nationen wie auch in Entwicklungsländern. Positiver Humor bildet – wie Musik, Tanz oder Spiel – eines der wenigen zwischenmenschlichen Pänomene, die über Sprach- und Kulturgenzen hinweg überall willkommenen sind, unmittelbare spontane kommunikative Verbindungen schaffen und wechselseitig immer wieder neu den Funken der vitalen Lebensfreude zünden.

Von Maria Schwarz, Ergotherapeutin

Diese Überschrift mag auf den ersten Blick für Menschen, die an Schmerzen leiden ans Unmögliche grenzen oder noch schlimmer: Betroffene fühlen sich nicht ernst genommen. Menschen, die mit Schmerzen konfrontiert sind, ernst zu nehmen, das ist mein vorrangiges Anliegen. Denn gerade das nicht ernst genommen werden, erhöht das Empfinden körperlicher Schmerzen durch seelische Verletzungen. Das Zusammentreffen von körperlichen „Hautnah-Erlebnissen“ und seelischen „Herzfern-Erfahrungen“ ist in der Begegnung mit der technischen Medizin nicht zu verhindern.

Mit dem Humor – der trotz Schmerzen möglich ist – verbinde ich jene Heiterkeit, welche die Wirklichkeit erträgt. Ich meine jene Gelassenheit, die mich Wachsein lässt am Rand aller Schmerzen und Abgründe. In der Fähigkeit lächeln, schmunzeln oder eben lachen zu können, wird die Bedrohung verringert, der viele Patientinnen und Patienten ausgesetzt sind.

Dass Humor trotz Schmerzen möglich ist, das habe ich selbst ausprobiert und als hilfreich erlebt. Wesentlich ist – wie bei den dringend notwendigen Schmerzmitteln – die Dosierung. Bei der Dosierung der Schmerzmittel hilft das Stufenschema der WHO. Neben einer großen Auswahl an „normalen Schmerzmitteln“ gibt es schwache und starke Opiate. Bei der Dosierung des Humors könnte ein ähnliches Stufenschema hilfreich sein. Die Grundstufe bildet der „Norm“ Humor. Das ist jener, der allen erlaubt ist und für den ist auch kein Suchtgiftrezept erforderlich. Genauso wie bei den Medikamenten. Für normale Schmerzmittel braucht es kein Rezept. Als den „Norm“ Humor, möchte ich jenen Humor bezeichnen, welcher der Norm entspricht. Unter Norm verstehen viele, dass sich Krankheit und Heiterkeit ausschließen, denn wer krank ist, hat nichts zu lachen. Die Erkenntnis, dass Krankheit eine ernste Sache ist, schließt eine heitere Gelassenheit nicht aus. Was schwer ist, muss nicht schwer genommen werden. Bei Besuchen am Krankenbett wäre ich manchmal froh gewesen, wenn die Besucher nicht schon mit vorauseilender Betroffenheit ins Zimmer gekommen wären. Also die Grundstufe „Norm“ Humor auch für Besucher nicht nur für Patienten.

Als die „normalen“ Schmerzmittel nicht mehr ausreichend waren und obendrein mein Magen rebellierte, verschrieb mein Arzt meinem Körper pharmazeutische Opiate.

Für meinen Geist verschrieb ich mir humorvolle Opiate. Wie schauen die aus? Ich habe einen Schatz von Büchern und Filmen, die Heiterkeit verbreiten: Karl Valentin, Heinz Erhardt, Erich Kästner, Christine Nüstlinger und Eugen Roth. Dazu kommen jede Menge Cartoons von Renate Alf, Peter Gaymann, Ulli Stein und viele andere. Obwohl sich die Schmerzen durch die Opiate in Grenzen hielten, inszenierten meine Gedanken eher eine Tragödie als eine Komödie. Das Lesen der heiteren Texte und das Anschauen der Filme und der lustigen Zeichnungen brachte mich in Distanz zu meinen Gedanken.

Also nach dem „Norm“ Humor kommt der „Profi“ Humor. Ich nenne ihn deshalb so, weil jene Schriftsteller und Zeichner, die sich damit auseinander gesetzt haben, professionellen Umgang mit dem Humor bewiesen haben.

Bei intensiven Schmerzen kann passieren, dass es die starken Opiate der Pharmazie braucht. Ich habe das auch ausprobiert. Ich war weder geistig völlig daneben, noch bin ich abhängig geworden.

Das stärkste Humor-Opiat, das ich kenne lautet: sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Nur wie soll das gehen? Wenn mich körperliche Schmerzen so gefangen nehmen, dass mich sonst nichts mehr interessiert! Wenn sich alles um mich dreht, weil Anfang und Ende meiner Gedanken von den Schmerzen bestimmt werden und jedes Ablenkungsmanöver nichts bringt, soll Humor helfen?

Wie ist nun „Humor trotz Schmerzen“ konkret zu verstehen. Für mich ist Humor eng mit der inneren Einstellung zum Leben verknüpft. Hier möchte ich noch einmal eindringlich darauf hinweisen, dass heitere Gelassenheit allein zu wenig ist, um starke Schmerzen wirkungsvoll zu bekämpfen. Die häufig praktizierten Rat-„Schläge“ von außen, dass es „bald besser“ wird, helfen absolut nicht. Im Gegenteil! Die gutgemeinten Vereinfachungen kann ich nur glauben, wenn ich mich NICHT ernst nehme!

„Dem Leiden unmittelbar eine bestimmte Bedeutung zuzumessen, als „Schuld“ oder als einsehbares „Opfer“ für ein „höheres Gut“, hieße vorweg sein Wesen mit einem Schleier zu versehen.“ 1

Diesen Gedanken von Rolf Kühn möchte ich für mich so übersetzen: für mich ist wesentlich, dass Unglück und Leid keine Strafe für Schuld sind. Genauso wenig ist Leid ein Opfer für ein besseres Leben im Jenseits. „Heldentum ist ein Ausnahmezustand und Produkt einer Zwangslage.“2 Körperliche Schmerzen sind so etwas wie eine Zwangslage. Bereits das leiseste Zahnweh macht die Welt draußen uninteressant. Das bedeutet: ich bin nicht mehr frei, ich bin in einer Zwangslage. Die Frage nach dem Warum führt allemal in den Irrgarten der Verzweiflung, weil es keine menschenwürdige Begründung gibt.

Das große Thema worauf mich Schmerzen hinweisen wollen, ist mir vertraut. Um in einer guten Weise darüber nachzudenken, ist hier nicht der richtige Ort. Hier geht es um den Humor.

Immanuel Kant hat schon im achtzehnten Jahrhundert erkannt, dass der Mensch gegenüber den Widrigkeiten des Lebens drei Dinge zum Schutz hat: die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen.3

Die Hoffnung ist ein wesentlicher Schutz, den ich im Falle der Erkrankung brauche. Die gute Hoffnung ist mit dem Realismus verwandt. Der Realismus ist auch für den Humor notwendig. Er hat einen scharfen Blick für Schwächen und Unzulänglichkeiten des Menschen und verzichtet auf Idealvorstellungen. So versteht man leichter, dass man die Hoffnung nicht mit der Illusion verwechseln sollte. Illusionen sind billiger Trost, wenn es einem schlecht geht und man spürt sehr schnell, dass sie nicht wirken.

Wie wichtig für mich der Schlaf ist, habe ich erst erfahren, als mir die Schmerzen den Schlaf raubten. Schlafmittel mögen über einige Zeit helfen. Doch an den natürlichen Schlaf, der mich durch meine Träume behütet und bestärkt, kommen sie nicht heran.

Wie wichtig ist nun das Lachen?

„Wir spüren unverkennbar, wie ein herzliches Gelächter uns befreien, ein tiefes Schluchzen uns erleichtern, ein Zornausbruch uns erlösen kann.“ 4

Das herzliche Gelächter – die Betonung liegt auf herzlich und hat nichts mit Zynismus zu tun – ist das schönste Mitbringsel ans Krankenbett. Theatralisch geflüsterte Worte: „Wie geht s dir denn?“ die aufgrund der Tonlage die nahende Tragödie erahnen lassen, sind die schaurigste Art des Mitleids, das ich erlebt habe. Nebenbei nähren Äußerungen solcherart meistens die Zweifel des Kranken und den Verdacht, ob etwa der zufällige Besucher mehr weiß als man selbst?

Da trugen die Bemerkungen, dass ich froh sein soll, dass ich bei dieser Affenhitze – ich lag im August im Krankenhaus – nicht arbeiten muss, wesentlich zur Auflockerung der Atmosphäre im Krankenzimmer bei.

Der gute Humor macht sich nicht über die Menschen lustig, sondern über die Art und Weise wie die Norm gepflegt wird. Wenn ich krank bin, entspreche ich ohnehin nicht mehr der Norm. Vor allem nicht in unserer Spaßgesellschaft, in der fit und forever young der Norm entspricht. Es gibt nicht nur unter den PatientInnen, sondern auch unter den Ärzten Fanatiker, die Normpflege anstelle Patientenpflege bevorzugen. Wie ich so eine Normpflege erlebt habe:

Mir wird der Besuch eines Neurologen angekündigt. Er soll in einer halben Stunde kommen und ich möge doch im Zimmer bleiben. Der Professor kommt nach zwei Stunden. Stürzt in mein Zimmer, zieht seinen weißen Mantel aus. Ich frage mich warum? Ob er möchte, dass ich seinen Luxuskörper sehe und bewundere? Übrigens seinen Oberkörper beschützt jetzt ein Krokodil. Doch so prominent, dass er für Lacoste Werbung macht, ist er nicht.

Er meint, ich soll mich ausziehen. Ich vermute, er hat nicht bemerkt, dass ich nur ein Nachthemd anhabe. Ich biete ihm die Chance mich in Unterhose zu sehen – ist ihm nicht recht. Von vorne zumindest – von hinten schon. Er muss beurteilen, wie sich meine Wirbelsäule in Bewegung aufführt. „Linkslastig“, höre ich hinter mir murmeln. Ist mir lieber als rechts. Er lässt mich im Bett herum turnen. Für den Test, ob meine Bandscheiben geschädigt sind, habe ich im letzten Jahr Abonnements verteilt. Sie sind auch dieses Mal nicht geschädigt. Aufgrund seiner schulmedizinischen Regeln reichen meine Schmerzen für eine Operation nicht aus. Er sagt mir, dass ich froh sein soll, dass ich in meinem Alter so beweglich bin. Ich sage ihm nicht, dass der OP-Termin fixiert ist.5

Die Untersuchung war notwendig, weil „es der Norm entspricht“, dass vor der Operation noch einmal ein Neurologe zu Rate gezogen wird. Der Termin steht fest, meine Angst auch. Um nicht den letzten Rest an Vertrauen in meinen Chirurgen zu verlieren, war die humorvolle Belustigung des Schreibens für mich die einzige Chance dem Mißtrauen nicht zuviel Raum zu geben. Zum Reden war ja niemand da.

Zum Schluss möchte ich noch auf Konrad Lorenz verweisen. Für ihn war Lachen ursprünglich Ausdruck jener Erleichterung, die entsteht, wenn eine äußere Gefahr abgewendet worden ist. Im allgemeinen läuft das „normale“ Denken (gesunder Menschenverstand) innerhalb eines in sich logisch konsistenten Rahmen ab. Eben diesen Bezugsrahmen „sprengt“ der Humor, indem er konsequent verblüffend, einen anderen Rahmen einbezieht.“6

Ich wünsche allen, die sich die Mühe gemacht haben diese Zeilen zu lesen, viel Mut den eigenen Humor kennenzulernen und ihn auszuprobieren. Es lohnt sich! Sowie das Leben, das uns geschenkt ist, sich lohnt.

1 Rolf Kühn, Sinn – Sein – Sollen, Cuxhaven, Dartford, 1995
2 Theodor Fontane, in: Knaurs großer Zitatenschatz
3 Zitate und Aussprüche, Duden,
4 Max Reinhardt, Rede über einen Schauspieler in: Bildnis eines Theatermannes von Heinz Herald,
– Rowohlt
e Patsch, Tagebuchaufzeichnungen: Danke, ich atme selber, Mehr Info auf: www.ingepatsch.at
6 Michael Titze, Therapeutischer Humor, Frankfurt 1998

Stellen dir vor, du bist krank und keiner hat Humor!

Konzeptionelle Überlegungen zu Humor angesichts von Krankheit

Seit Mitte der 1990er Jahre kann im deutschsprachigen Raum ein eigentlicher Boom an Publikationen, Fortbildungen, Kongressen und Projekten zu Humor und Gesundheit beobachtet werden. Verschiedenste Berufsgruppen, Institutionen, Verbände und Fachjournale haben sich dem Thema gewidmet. Bloss: Was haben Krankheit mit Humor und Heiterkeit zu tun? In der westlichen Gesellschaft herrschte doch bislang die Meinung vor, dass kranke Menschen sowie auch deren Angehörige nichts mehr zu lachen hätten, und Humor und Heiterkeit längst aus deren Alltag verschwunden oder noch schlimmer verbannt worden sei. Jedoch: Es gab und gibt immer wieder Menschen mit Gesundheitsbeeinträchtigungen und auch VersorgungsakteurInnen, die diesem vermeintlich ehernen Gesetz ein Schnippchen schlagen. Sie spüren, dass Krankheit nicht zwingend mit Niedergeschlagenheit und Griesgram einher gehen müssen, und behalten trotz widrigen Umständen ihr frivoles, neckisches und heiteres Gemüt. Sie sind somit Zeugen davon, dass Heiterkeit und Humor zeitlebens komme was wolle Lebenselixiere bleiben (Klein, 1998). Fragen wir deshalb zunächst, was es mit diesem wundersamen Phänomen auf sich hat, und danach, wie es in die Krankenversorgung integriert werden kann.

Was ist Humor?

Gleich vorweg: Zu dieser Frage gibt es keine einheitliche Antwort. VertreterInnen zahlreicher Wissenschafts- und Praxisrichtungen haben sich bereits seit vielen Jahren zu diesem Thema geäussert und den Begriff Humor jeweils aus ihrem spezifischen beruflichen Blickwinkel definiert. Für VersorgungsakteurInnen kann die folgende Definition hilfreich sein, da sie verschiedene Aspekte aufnimmt, die in der klinischen Arbeit relevant sind: Humor ist die Fähigkeit und Gabe eines Menschen der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen, sie nicht so tragisch zu nehmen, und über sie und sich lachen zu können. (Duden Fremdwörterbuch, 1982, S. 316). Zwei Aspekte dieser vielschichtigen Definition seien hier kurz herausgegriffen: Zum einen wird Humor als Gabe und als Fähigkeit beschrieben. Demnach gibt es nicht nur die begabten HumoristInnen, sondern alle Menschen, ob krank oder gesund, kännen sich und andere befähigen, Humor zu erleben. Zum andern werden Unzulänglichkeiten und Schwierig-keiten angesprochen, die gerade bei kranken Menschen in Form verschiedenster Gesundheitsbeeinträchtigungen ein erhebliches Ausmass annehmen können. Humor wird demnach nicht zum exklusiven Gut der Unversehrten auserkoren.

Wie zeigt sich Humor angesichts von Krankheit?

Auch diese Frage kann nicht allumfassend beantwortet werden. Viel mehr gilt es, Humor im individuellen Kontext wahrzunehmen, und wachsam zu sein, wenn es geschieht. Ein Erlebnis aus der klinischen Pflegepraxis der Autorin kann dies illustrieren:

Ein älterer, krebskranker Mann möchte zum Sterben nach Hause. Dort wird er von seiner Tochter und dem ambulanten Pflegedienst versorgt. Die Tochter wirkt bei meiner Ankunft angespannt, denn der nahende Tod, die Infusion und das surrende Sauerstoffgerät sind für sie ein ungewohnter und verunsichernder Anblick in der engen Stube. Zudem hat der Hausarzt ein Abführmittel verordnet, dem sie wenig Nutzen abgewinnen kann. Dennoch geht sie in die Küche, um das Mittel vorzubereiten. Ich erkenne rasch, dass die Tochter jetzt mehr Unterstützung braucht als der gut versorgte Vater und begleite sie daher in die Küche. Ich schaue ihr zu, wie sie in einen kleinen Plastikbecher zunächst braunen Feigensirup und oben drauf ein wenig dickflüssiges weisses Agarol giesst. Plötzlich geht mir ein Gedanke durch den Kopf: Wissen Sie, dieses Säftchen sieht aus wie ein kleines Glas Guiness Bier. Die Tochter schaut mich zunächst verdutzt an, beginnt dann zu schmunzeln und sagt: Ah, Sie bringen mich auf eine Idee. Wissen Sie, mein Vater ist Italiener, und dieses Gemisch wird für ihn wohl eher wie ein Cappuccino aussehen. Und deshalb kommt jetzt ein bisschen Schokolade-Pulver oben drauf! Gesagt, getan sie streut auf das Abführmittel eine neckische Dekoration! Wir beginnen bei diesem Anblick plötzlich herzhaft zu lachen und vergessen die tragische Situation für einen kurzen Augenblick. Mit Tränen in den Augen bringen wir danach dem sterbenden Vater den geschmäckten Cappuccino und erklären ihm auch, weshalb wir in der Küche so laut gelacht haben. Ein unscheinbares Lächeln huscht über sein Gesicht…

Dieses Erlebnis bedeutete für die Tochter eine Art Dammbruch in der spannungsge-ladenen Situation. Das Lachen befreite und löste ihre Gefühle, zumindest für einen kurzen Augenblick. Darüber hinaus erweiterte sich ihre Perspektive. Das Leben war angesichts des nahenden Todes nicht mehr ausschliesslich von Trauer und Schmerz beherrscht und umhüllt, sondern das humorvolle Erlebnis öffnete ihr gleichsam ein Fenster, durch das etwas Heiterkeit in die enge Stube dringen konnte. Dieses Beispiel aus der Krankenversorgung zeigt Ähnlichkeiten mit Tragikomödien in der griechischen Antike, denn auch dort treffen Tragik und Komik nahe aufeinander. Charakteristisch für dies Art von Schauspielen war, dass jeweils nach einer tragischen Szene eine komische folgen musste, damit die Gemütslage der ZuschauerInnen im Lot blieb: Dieses Gelächter verwischte oder leugnete die Gefühle nicht, welche das tragische Schauspiel erweckt hatte. Aber es machte sie vielleicht erträglicher und erlaubte den Zuschauern, mit einer gewissen Gelassenheit wieder zu ihren gewöhnlichen Verrichtungen zurückzukehren. (Berger, 1998, S. 22). Komik und Lachen begegnen uns sozusagen als Schwimmring, der die Menschen trotz tragischer oder widriger Umstände sei dies im Schauspiel oder im realen Leben vor dem Untergehen bewahrt. Eine wichtige Voraussetzung in solchen Lebenslagen ist allerdings, …dass Pflegefachkräfte Humor gegenüber einzelnen Patientengruppen nicht aufgrund der medizinischen Diagnosen ausschliessen. Therapeutischer Humor muss individuell angepasst werden. (Dunn, 1993, S. 470). In diesem Zitat wird ein Punkt aufgegriffen, der nicht genügend betont werden kann. Allzu oft scheuen sich VersorgungsakteurInnen aller Berufsgattungen, insbesondere mit schwerstkranken Menschen und deren Angehörigen humorvoll zu sein. Sie folgen mit dieser Haltung einer normativen Vorstellung, dass man angesichts einer schwerwie-genden medizinischen Diagnose nichts mehr zu lachen habe. Sie scheuen sich insbesondere vor zu viel Humor. Sollten sie jedoch nicht viel mehr um das zu wenig oder den zu ernsthaften Versorgungsalltag besorgt sein, wenn man bedenkt, über welch hilfreiches Potential das Phänomen Humor verfügt?

Welche Arten von Humor gibt es?

Wenn wir nochmals das obige Praxisbeispiel betrachten, so lässt sich dieses am ehesten der sogenannten Erleichterungstheorie zuordnen. Bei dieser Theorie steht nicht primär das Erlebnis selber, sondern vielmehr dessen Wirkung im Vordergrund, also die Entladung von Spannung und die nachfolgende Erleichterung der emotionalen Last. Ergänzend zur Erleichterungstheorie finden sich noch weitere, vor allem von VertreterInnen der Psychologie heraus gearbeitete Theorien, zum Beispiel die Überlegenheits- oder Inkongruenztheorien (Lefcourt & Martin, 1986; Ruch, 1998). Erstere lassen sich mit Schadenfreude und Sarkasmus, aber auch mit der Fähigkeit, über sich und eigene Missgeschicke lachen zu können, umschreiben. Letztere, die Inkongruenztheorien, zeigen sich oft in Gestalt von Situationskomik, wenn sich normale Abläufe plötzlich und unerwartet hin zum Komischen entwickeln. Für die Arbeit in der Krankenversorgung sind schliesslich das Wohlwollen gegenüber den kranken Menschen von entscheidender Bedeutung. Das schliesst jedoch nicht aus, sich Humor in provokativer Weise äussern kann. Entscheidend ist, dass das Gewicht in der Waagschale Wohlwollen deutlich grösser ist in der Provokation (Höfner & Schachtner, 1995). Dieser Versuch einer Humorklassifizierung mag auf den ersten Blick den Anschein erwecken, dass die theoretische Zuordnung das gewisse Etwas und die Spontaneität von Humor beeinträchtige. Ziel der Theorien und Reflexionen zu Humor ist jedoch nicht, Lachen und Scherzen auszulösen, sondern verschiedene Formen von Humor zu erkennen und die individuell erlebte Situation besser zu verstehen. Durch diese kontinuierliche Reflexion kann im Laufe der Zeit das Verständnis und der Sinn für Humor immer mehr geschärft werden (Buckman, 1994).

Wie unterscheiden sich Humor und Lachen?

In den bisherigen Überlegungen war mehrmals von Humor und Lachen die Rede. Beide Phänomene sind zweifellos eng miteinander verknüpft, jedoch sind sie nicht ein- und dasselbe. Eine kurze Klärung ist daher nötig: Humor, einerseits, wird als Geistes- oder Lebenshaltung (exemplarisch Robinson, 1999) oder als Persönlichkeitsmerkmal umschrieben (exemplarisch Ruch, 1998). Im Gegensatz dazu ist Lachen zunächst nur eine körperliche Reaktion auf einen äusseren humorvollen Reiz, z. B. auf einen Witz oder eine komische Situation. Lachen läst sodann unterschiedlichste biochemische Prozesse aus, die in der Fachwelt rege diskutiert werden (Fry, 1994; Martin, 2001). Die Unterscheidung zwischen Humor und Lachen wird dann besonders wichtig, wenn VersorgungsakteurInnen Ziele und Wirkungen bei PatientInnen oder im Team definieren wollen. Soll vor allem Humor kultiviert werden? Oder steht Lachen im Vordergrund? Diese Ziele fordern jeweils unterschiedliche Interventionen. Sofern Lachen bewusst mehr sicht- und hörbar werden soll, eignen sich Witze, Videoabende oder Veranstaltungen im grösseren Kreis besonders gut, z. B. Streiche am 1. April oder Ausflüge mit AltenheimbewohnerInnen warum nicht? an die Love Parade in Berlin! Wer hingegen den stillen Humor oder heitere Gelassenheit fürdern möchte, kauft um nur ein Beispiel zu nennen einige Buchbände von Karl Valentin für die krankenhauseigene Bibliothek und empfiehlt sie den PatientInnen als Nachtlektüre vor der morgendlichen Operation.

Wie lassen sich Humor und Lachen in die Krankenversorgung integrieren?

Fragen wir nun noch etwas genauer, wie PatientInnen und BerufskollegInnen eine heitere und humorvolle Atmosphäre zugute kommen kann. Dies geschieht zum einen spontan und unerwartet, wie dies aus dem obigen Beispiel ersichtlich ist. Scherzende, neckische Kommunikation findet sich in der Krankenversorgung immer wieder. Hier gilt es, die Situationen als eigentliche Sternstunden wahrzunehmen und geniessen zu könen. Wer sie zudem im beruflichen oder auch privaten Umfeld weiter erzählt, lässt dadurch andere an der Schönheit des Momentes teilhaben. Geteilter Humor ist doppelter Genuss!
Wer Humor nicht nur dem Zufall und der Spontaneität überlassen möchte, kann sich auch anderer Mittel bedienen. Eine kleine Auswahl an geplanten Humorinterventionen kann vielleicht den Appetit anregen (Bischofberger, 2000, 2002; Hirsch, 2001):

  • Humortagebuch im Pflegeteam oder gemeinsam mit den kranken Menschen und/oder deren Angehörigen führen
  • Mit PatientInnen und/oder Angehörigen diskutieren, welche Bedeutung Humor und Lachen in ihrem Leben und angesichts von Krankheit haben
  • Im Team Publikationen zu Humor/Lachen und Gesundheit diskutieren
  • Humor in Gestalt von Cartoons, Sprüchen etc. in den Versorgungsinstitutionen sichtbar machen
  • Humorliteratur und Videos erwerben und sowohl für PatientInnen wie auch für Personal zugünglich machen
  • Scherzartikel kaufen und benützen
  • Besuch von CliniClowns organisieren
  • Betriebsinterne und externe Humorfortbildungen besuchen

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass die gewählte Intervention entscheidend von der Zielsetzung abhängt. Es gilt also einzuschätzen, welche Intervention in der individuellen Situation sinnvoll ist und gewünscht wird. Ferner ist wichtig, an wen sich die Intervention richtet. So bietet sich tendenziell gesprochener Humor auf einer Augenklinik eher an als visueller Humor, es sei denn, die Bilder sind gross genug, wie beispielsweise Poster von Mordillo. Scherzende Kommunikation ist mit älteren Menschen langsam und deutlich zu führen, damit sie dem gesprochenen Wort folgen können. Ferner sollen auch die Vorlieben und Ressourcen der intervenierenden Person oder der Gesamtinstitution berücksichtigt werden. Vielleicht hat jemand Kontakt zu einer Karikaturistin, die für eine Ausstellung in der Eingangshalle des lokalen Krankenhauses gewonnen werden kann. Eine andere Person hat soeben vom Grossvater eine reichhaltige Sammlung von Loriotbüchern geerbt, die sie der Spitalbibliothek vermacht. Eine dritte Person schliesslich verfügt über clowneskes Talent und möchte sich mit Scherzartikeln und deren Anwendung in der Krankenversorgung vertraut machen. Die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt. Wichtig ist, dass weder den kranken Menschen noch dem Personal spezifische Interventionen aufgedrängt werden. Ziel ist jedoch, dass auf Versorgerseite die kontinuierliche Weiterentwicklung der Humorkompetenz gefärdert wird, so dass die individuellen Vorlieben zunehmend besser und auf höherem Niveau abgedeckt werden können.
Nach der Zielsetzung, Planung und Durchführung ist schliesslich die Wirkungsorientierung Teil des professionellen Denkens und Handelns. Humorinterventionen sollen bei den betroffenen Personen, seien dies PatientInnen, Angehörige oder VersorgungsakteurInnen, eine Wirkung erzielen. Wie die Definition von Humorinterventionen aufzeigt, gibt es in der Tat eine vielfältige Wirkungspalette: Unterstützung, um Lustiges, Amüsantes oder Absurdes zu erleben, zu schützen und auszudrücken, um Beziehungen aufzubauen, Spannung zu erleichtern, Ärger abzubauen, Lernen zu erleichtern oder schmerzvolle Gefühle besser ertragen zu können. (McCloskey & Bulechek, 1997, S. 297). Diese Wirkungen sind sehr oft erst nach längerer Zeit und bei geduldigem Vorgehen ersichtlich, das heisst, niemand sollte sich unter kurzfristigen Erfolgszwang stellen. Wie sagt doch der Wiesbadener Psychothera-peut Nossrat Peseschkian: Geduld bringt Rosen, Ungeduld bringt Neurosen!

Ob spontane oder geplante Intervention, immer gilt: Die Übung macht den Meister. Kompetente HumoranwenderInnen verfügen mit zunehmender Erfahrung, erweiterten Kenntnissen zum Konzept Humor und vertieften Fähigkeiten über eine Klaviatur verschiedenster Interventionsmöglichkeiten, mit denen sie je nach Situation aufspielen können. Auch geübte und fähige HumoranwenderInnen kommen jedoch nicht umhin, sich immer wieder neu an das Phänomen Humor heranzutasten, wie die folgende Aussage sehr schön darlegt: Dem Komischen mit seiner flüchtigen Natur kann man sich nur auf sorgfältigen Umwegen nähern. Man kann es nicht direkt attackieren, man muss darum herumgehen, immer wieder, herum und herum. Dann flieht es vielleicht nicht erschreckt. Dann bleibt es vielleicht lange genug stehen, dass man ein wenig besser erkennen kann, was es unter seinen vielen Hüllen im Grunde sein mag. (Berger, 1998, S. xviii)

Fassen wir zusammen: Humor ist ein Phänomen, das in der Versorgungslandschaft zunehmend thematisiert wird. Damit ist ein Prozess in Gang gekommen, der sowohl Reflexionen zum Wesen von Humor und Lachen, deren theoretischen Hintergründe und die Intergration in die Krankenversorgung umfasst. Die Einbettung verschiedener Humorinterventionen wird zunehmend als professionelles Angebot verstanden und gestaltet. So bleibt zum Schluss zu wünschen, dass kein Krankenhausdirektor und keine Pflegefachkraft jemals die Klage hören muss: Ich war krank und keiner hatte Humor.

Bibliographie

Berger, P. (1998). Erlösendes Lachen. Berlin: de Gruyter.
Bischofberger, I. (2000). Humor. In S. Küppeli (Hg.), Pflegekonzepte (Band 3, S. 271-304). Bern: Hans Huber Verlag.
Bischofberger, I. (Hg.). (2002). „Das hat uns gerade noch gefehlt!“ – Humor und Lachen in der Pflege. Bern: Hans Huber Verlag (in Vorbereitung).
Buckman, E. S. (Ed.). (1994). The handbook of humor: clinical applications in psychotherapy. Malabar/FL: Krieger Publishing.
Duden Fremdwörterbuch. (1982). Mannheim: Bibliographisches Institut.
Dunn, B. (1993). Use of therapeutic humour by psychiatric nurses. British Journal of Nursing, 2(9), 468-473.
Fry, W. F. (1994). The biology of humor. Humor – International Journal of Humor Research, 7(2), 111-126.
Hirsch, R. D. (2001). Heiterkeit und Humor: Eine Hilfe im Umgang mit Demenzkranken? In P. Tacken-berg & A. Abt-Zegelin (Hg.), Demenz und Pflege – Eine interdisziplinäre Betrachtung (S. 162-174). Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag.
Hirsch, R. D., Bruder, J., & Radebold, H. (Hg.). (2001). Heiterkeit und Humor im Alter. Kassel: Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie.
Klein, A. (1998). The courage to laugh. New York: Jeremy P. Tarcher/Putnam.
Martin, R. A. (2001). Humor, laughter, and physical health: methodological issues and research findings. Psychological Bulletin, 127(4), 504-519.
McCloskey, J. C., & Bulechek, G. M. (Eds.). (1992). Nursing Interventions Classification. St. Louis: Mosby Year Book.
Robinson, V. (1999). Praxishandbuch therapeutischer Humor – Grundlagen und Anwendungen für die Pflege- und Gesundheitsberufe. Wiesbaden: UllsteinMedical.
Ruch, W. (Ed.). (1998). The sense of humor – Explorations of a personality characteristic. Berlin: Mouton de Gruyter.
Titze, M., & Eschenröder, C. T. (1998). Therapeutischer Humor – Grundlagen und Anwendungen. Frankfurt am Main: Fischer.

Iren Bischofberger

Pflegefachfrau, Bachelor of Science Pflegewissenschaft, Master of Science Gesundheit und Arbeit, Dozentin und Beraterin für Humor im Gesundheitswesen, Basel

Lachen allem zum Trotz eine aufmüpfige Besinnung an herben Tagen

Vor einiger Zeit rief mich eine Gutbekannte an, die krebskrank war. Sie sagte am Telefon: Du kannst bei mir das schöne Schachspiel holen. Ich gehe jetzt nach Arlesheim, um dort zu sterben. Ich werde nicht mehr in meine Wohnung zurückkehren. Ich sagte ihr: Weißt Du, Du bist mir am Leben schon lieber, als das Schachspiel, wenn Du tot bist. Sie ist nun in Arlesheim gestorben, und nun denke ich daran, wie wir trotz der ernsten Situation am Telefon lachen mussten. Es war eine Art Galgenhumor. Als ich den Hörer auflegte, kam mir Gedicht von Wilhelm Busch in den Sinn:

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim.
Er flattert sehr, er kommt nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu.
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt der dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt: Weil das so ist
Und weil mich doch der Kater frisst,
so weil ich keine Zeit verlieren,
will noch ein wenig quinquilieren
und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

Die Katze, die auf den armen Vogel unweigerlich und unaufhaltsam auf sachten Sohlen zukommt, ist ein Symbol des Todes. Der Kleb, der den Vogel auf dem Ast noch eine Zeit lang festhält, ist alles, was uns noch am Leben festhalten will, obwohl die Ernsthaftigkeit der Krankheit keinen Zweifel daran lässt, was die Stunde geschlagen hat. Die kurze Zeitspanne, die uns noch gegönnt ist, bewahrt uns davor, uns grosse Illusionen über die Zukunft zu machen. Der Humor erspart uns den Aufwand, die Wirklichkeit anders zu interpretieren, wie sie ist und sie anders zu sehen als sie ist. Wir machen uns keine Illusionen mehr über die Zukunft, man akzeptiert die Wirklichkeit, wie sie ist – mit einem Stück Galgenhumor. Gerade im Alter spielen die Zukunftsillusionen keine Rolle mehr. Der Tod ist die Zukunft. Lachen, wenn es nichts mehr zu lachen gibt, ein Trotzdemlachen kann einsetzen.
Was in diesem Gedicht einen fasziniert, liegt wohl darin, dass der Vogel die kleine Zeitspanne, die ihm noch gegönnt ist, zum Quinquilieren benutzt. Er lebt ganz im Jetzt, als gebe es keine todbringende Zukunft.
Vor einiger Zeit las ich die Erinnerungen des spanischen Cellisten Pablo Casals und strich mir einige Sätze an, die mir die Schönheit des kurzen Zeitraumes, den wir leben und füllen dürfen, bewusst macht:
Die Menschen sind in hektischer Bewegung, aber wohin die Reise führt, bedenken sie kaum. Sie suchen Erregung um jeden Preis, als ob sie hoffnungslos wären. Die natürlichen, ruhigen und einfachen Dinge dieses Lebens machen ihnen wenig Freude. Jede Sekunde, die wir in diesem Universum verbringen, ist neu und einzigartig. Dieser Augenblick war zuvor nicht und wird nie wiederkehren…..
Ich bin jetzt über dreiundneunzig Jahre alt, also nicht gerade jung, jedenfalls nicht mehr so jung, wie ich mit neunzig war. Aber Alter ist überhaupt etwas Relatives. Wenn man weiter arbeitet und empfänglich bleibt für die Schönheit der Welt, die uns umgibt, dann entdeckt man, dass Alter nicht notwendigerweise Altern bedeutet, wenigstens nicht Altern im landläufigen Sinne. Ich empfinde heute viele Dinge intensiver als je zuvor, und das Leben fasziniert mich immer mehr.

Aber vielleicht steckt hinter dem Quinquinlieren noch eine tiefere Botschaft. Vor Jahren hat der Soziologe Peter Berger ein Buch geschrieben, das den Titel trägt: Auf den Spuren der Engel . Er ermutigt darin, die Theologen den Spuren der jenseitigen Welt in dieser Welt nachzugehen wie zum Beispiel dem Spiel der Kinder inmitten der Kriegszeit, den vielleicht gedankenlos, doch Mut machenden Worten der Mutter, wenn ein Kind ängstlich in der Nacht erwacht und sie sagt: Es ist alles in Ordnung , es wird alles wieder gut . Mit welchem Recht lässt sich sagen, dass in dieser Welt alles gut sei? Es geht im Buch um diese alltägliche Erfahrungen und ihre Deutungen, die eigentlich im letzten innerweltlich unerklärbar sind. Warum sollte ein Mensch im Angesicht des Todes lachen, wie ich dies beim eingangs erwähnten Telefongespräch erfahren habe? Warum sollte er in aller Freiheit mit dem Quinqulieren anstelle des Lamentierens beginnen? Es geschieht vermutlich doch aus einer Haltung einer Grundgeborgenheit, die wir nur in Gott haben und dieses grundlose Angenommenseins wird zum Hinweis auf eine jenseitige Welt, die uns inmitten des Diesseits umgibt und trägt. Und Gott möge es geben, dass das fröhliche Quniquilieren in jeder Lebenssituation in uns wächst und Gestalt annehmen kann.

Pater Ludwig Zink