Wörterbuch der Individualpsychologie

Reinhard Brunner / Michael Titze (Hrsg.)

Wörterbuch der Individualpsychologie

Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011

ISBN 978-3-534-24549-9

608 Seiten

 

 

Was ist die Individualpsychologie Alfred Adlers? Was macht die Individualpsychologie Alfred Adlers aus? Man kann sich mit dem zufrieden geben, was Wikipedia dazu schreibt: Unter Individualpsychologie versteht man das dynamische Konzept einer nicht-mechanistischen, verstehenden Psychologie, welche die menschlichen Beziehungen in den Mittelpunkt stellt Während bei Freud die Frage nach dem Grund (Kausalität) im Vordergrund steht, betont Adler die Notwendigkeit, nach dem Zweck von Symptomen wie Lebensäußerungen insgesamt (Finalität) zu fragen ... Man kann aber auch das Wörterbuch der Individualpsychologie , das Reinhard Brunner und Michael Titze herausgegeben haben, in die Hand nehmen. Denn in dem Wörterbuch der Individualpsychologie , das in diesen Tagen seine zweite Auflage erlebt und prompt den Olymp besteigt, da es inzwischen in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erscheint, findet man alles, was man zu Adlers Individualpsychologie finden muss. Und noch mehr: Man findet viele anschauliche Erklärungsmodelle für Phänomene, die einem im psychiatrischen Alltag begegnen.

Was zeichnet aber das Wörterbuch für Individualpsychologie aus? Es stellt in einer anschaulichen und verständlichen Weise dar, was nicht nur psychisches Phänomen ist, sondern es macht auch deutlich, was an einem Phänomen zu verstehen ist. Die Texte zu den Stichwörtern sind von der Länge her überschaubar und schrecken nicht ab. Man ist beim Wörterbuch der Individualpsychologie geneigt, es immer wieder aus dem Bücherregal herauszuholen, um sich gedankliche Anregungen zu holen bzw. Phänomene erklärbar zu machen, die einem geradezu alltäglich begegnen. Brunner und Titze haben schon vor drei Jahrzehnten (so lange ist die erste Auflage bereits auf dem Markt) Autorinnen und Autoren um sich geschart, die noch heute namhafte Interpreten der Adlerschen Individualpsychologie sind. Sie dokumentieren nicht nur eine große Praxisnähe, sondern auch eine ausgeprägte Fähigkeit zur Reflexion.

Michael Titze schreibt in seinem Artikel zum Minderwertigkeitskomplex : Im Unterschied zum Minderwertigkeitsgefühl, das nach Adler zum Menschsein gleichsam dazugehört, findet sich der ausgeprägte Minderwertigkeitskomplex bei allen Formen psychischer Erkrankungen. Oder in der Diskussion des Begriffs Normalität schreiben Wolfgang Kretschmer und Michael Titze: Als psychologisches System hat die Individualpsychologie keinen Anlass und keine Möglichkeit, den Vergleich zwischen krank und gesund herauszuarbeiten. Gelegentlich findet man in der individualpsychologischen Literatur den Ausdruck seelisches Gleichgewicht im Sinne der Ausgeglichenheit zwischen Selbstzuwendung und mitmenschlicher Zuwendung ...

Was die Individualpsychologie Alfred Adlers ausmacht, ist ein abwägendes und ausgleichendes Moment. Wenn beispielsweise der Begriff der Schwererziehbarkeit besprochen wird, ist es weder eine schwarze, noch eine rosa Brille, mit der auf diesen Begriff geschaut wird. Wörtlich: Je mehr Entmutigung das Kind im Laufe seiner psychosozialen Entwicklung sei es durch verwöhnende oder harte Erziehung, störungsinduzierenden Umgang mit Geschwistern, Versagenserlebnisse in der Schule usw. erfahren hat, desto mehr profiliert sich seine ichhafte Leitlinie und desto schwerer fällt es ihm, diese Perspektive aufzugeben, eine sachliche Einstellung und gemeinschaftsfördernde Orientierung für sein Handeln zu entwickeln. Eine Tonlage, die das Wörterbuch der Individualpsychologie durchzieht und sicher auch ein Grund dafür ist, dass auch nach drei Jahrzehnten dieser Klassiker eine hohe Aktualität hat.

Christoph Müller


(C) 2013 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken