Lachen über das Andere

Claudia Gottwald

Lachen über das Andere Eine historische Analyse komischer Repräsentationen

Transcript-Verlag, Bielefeld 2009

ISBN 978-3-8376-1275-2

327 Seiten

 

 

Welches Verhältnis haben Komik und Behinderung? Wie hat sich das Verhältnis über die Jahrhunderte entwickelt? Mit dem Buch Lachen über das Andere versucht die Rehabilitationswissenschaftlerin Claudia Gottwald Antworten auf solche Fragen zu geben. Und es ist eine erhebende Spurensuche, auf den Claudia Gottwald den Leser mitnimmt. Genauso spannend sind viele Erkenntnisse, die Gottwald erarbeitet. Beispielhaft: Zunächst widersprechen sich medizinische Aspekte und Unterhaltungsaspekte also nicht, und Behinderung kann sowohl komisch, als auch tragisch, vermutlich häufig auch tragikomisch sein. Nach und nach wird das Lachen aber aus der Medizin und den Institutionen verbannt. Oder auch: Im Vergleich mit der Zeit vom 18. Jahrhundert bis in die 1980er Jahre fällt vor allem eines auf: Es äussern sich deutlich weniger so genannte Nichtbehinderte als Behinderte zur Frage des Lachens. Waren es bis Ende der 1980er Jahre fachliche Experten, die die Deutungshoheit über die Akzeptanz des Lachens hatten, so sind es seit den 1990er Jahren zunehmend Experten in eigener Sache, nämlich Menschen mit Behinderung. Vorwiegend wird es als Zeichen von Normalität erachtet, Behinderung zum Thema von Komik zu machen ..

Wenn es um die Gedanken Gottwalds zur Gegenwart geht, so hat jeder Leser die Möglichkeit, seine eigene Positionierung zu finden. Spannend ist es, den historischen Spuren nachzugehen. So erinnert Claudia Gottwald an die Institution des Hofnarrentums und die Funktion der Narren. Sie wirft die Scheinwerfer auf die kleinwüchsigen Menschen an den Höfen und im Zirkus. Sie nimmt den Spott über den Kropf und den Kretinismus in den Blick. Dabei wird für Claudia Gottwald klar: Das Lachen über Behinderungen, psychische oder so genannte geistige Abweichungen und körperliche Deformationen ist Bestandteil des historischen Umgangs mit diesen marginalisierten Gruppen. Deshalb ist es wichtig, diese Geschichte historisch zu rekonstruieren.

Trotz allen Lobs gibt es kritische Worte. Denn Claudia Gottwald hat eine Lücke hinterlassen, die für die Darstellung des Spannungsbogens von Komik und Behinderung eine pikante Seite sicherlich bereithält. So thematisiert in keiner Weise das Verhältnis von Komik und Behinderung in der Zeit des Nationalsozialismus und des wiedererstehenden Deutschlands. Schade, dass sie auch keine Informationen darüber gibt, weshalb sie diese Zeit vernachlässigt.

Wenn sie im Zusammenhang mit mittelalterlichen Phänomenen schreibt, dass körperliche und geistige Auffälligkeiten mit Narrheit gleichgesetzt wurden, vermeidet sie es gleichzeitig zu referieren, inwieweit dies auch für die Gegenwart gilt. Claudia Gottwald hat einen Weg bereitet, den es weiter zu kultivieren gilt. Hoffentlich kommen die Sozialwissenschaftler oder Rehabilitationswissenschaftler auf die Idee.

Christoph Müller


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