Clowns für Menschen mit Demenz

Ulrich Fey

Clowns für Menschen mit Demenz. Das Potenzial einer komischen Kunst

Mabuse-Verlag Frankfurt/Main 2012

ISBN 978-3-86321-015-1

183 Seiten

 

 

Man erkennt sofort, dass Ulrich Fey ein gelernter Journalist ist: Sein Schreibstil zeigt in angenehmer Weise eine Professionalität, die auch komplexe Sachverhalte in leseleichter Form (und doch stringent) vermittelt. Und das ist gut so, denn dieses Buch ist im besten Sinne ein Fachbuch , das Forschungsergebnisse zur Demenz in umfassender Weise präsentiert. Dabei werden dem Leser wichtige Fakten zur Krankheit des Jahrhunderts vermittelt, die vor allem auf hirnphysiologischen, neurologischen und demographischen Erkenntnissen aufbauen (S. 33-36).

Wichtig für den Leser ist, von Fey zu erfahren, dass eine Demenz nicht als Verlust des Selbst zu verstehen ist, sondern primär als eine Veränderung des Selbst (S. 64). Solche Veränderungen treten nicht allein in Folge einer individuellen Erkrankung auf, sondern sind auch Auswirkungen von gesellschaftlichen bzw. psychosozialen Ereignissen im Laufe einer Lebensgeschichte. Unsere Alten wurden nämlich in einer Zeit sozialisiert, in der sich die emotionalen Lebensumstände grundlegend von den heutigen unterschieden. Entsprechend geht der Autor in einem eigenen Kapitel ausführlich auf jene tragischen Ereignisse ein, die ein wesentlicher Bestandteil der jüngeren deutschen Geschichte sind und die gleichzeitig zum konkreten Lebensschicksal vieler Senioren zählen. Es sind dies Erlebnisse aus Zeiten des Krieges und der Vertreibung, die in ihrer traumatischen Bedeutung sehr häufig nicht wirklich bewältigt, sondern nur verdrängt wurden: emotional abgespalten hinter einer Fassade scheinbarer Funktionalität und Effizienz im alltäglichen Lebensvollzug. Wenn diese Abwehr mit einsetzender Demenz dann immer weniger gelingt, kann ein archaisches Notfallprogramm aktiviert werden, das vielerlei problematische Auswirkungen mit sich bringt. Allerdings sind in einer Demenz nicht die selbstsichernden emotionalen Reaktionsmuster beeinträchtigt, sondern deren kognitive Bewertung und Steuerung. Und diese ist, wie gesagt, immer auch lebensgeschichtlich fundiert.

Nach diesen ausgiebigen und, wie ich meine, wichtigen Vorbemerkungen, beschreibt der Autor ab dem 5. Kapitel, durch welche Maßnahmen Menschen mit Demenz geholfen werden kann. Das wichtigste Medikament in diesem Zusammenhang sei menschliche Nähe. Und dieses Medikament könne nur auf der emotionalen Ebene (S. 15, S. 55) verabreicht werden. Entscheidend dabei ist, jedes Gefühl ernst zu nehmen und dem Patienten ohne Einschränkungen Würde, Wertschätzung, Respekt einzuräumen.

In einer Zeit, in der der demographische Wandel zunehmend zur Vereinsamung alter Menschen führt, müsse die Vermittlung dieser Emotionalität in einer tatsächlich familiären Weise von Statten gehen. Fey führt hier zentral die universale Figur des Clowns an: Ein Clown agiert auf einer emotionalen Stufe, die von einem Kind eingenommen wird. Hier entfaltet sich tatsächlich spielerisch ! " eine authentische Lebensfreude, die den Mut wachsen und die Angst schwinden lässt. Und ebenso verbreiten Clowns in ihrer spielfreudigen, nonkonformistischen und wahrhaftigen Art eine genuine Lebensfreude (S. 78-88). Somit füllen Clowns immer auch die Enkel-Lücke (S. 26), und alte familiäre Bande werden durch ihr Wirken wieder hergestellt.

Nicht zuletzt personifiziert der Clown einen Gegenentwurf zur sog. Erfolgsgesellschaft (S. 81), in der alles tadellos funktionieren soll. Seine Botschaften sind eindeutig, und er lebt ständig vor, wie sich die Schwierigkeiten des Lebens relativieren lassen (S. 87): spielerisch und mit einem ganz natürlichen Mut zum Risiko (S. 80). Fey schreibt: Der Clown korrigiert, kritisiert niemals. Warum auch? Die Welt der Dementen ist auch seine. Clowns wie Demente haben nur wenige Berührungspunkte zu dem Leben, das von Leistung, Intellekt, Klischees und Gefühlsferne geprägt ist.

Doch die zentrale Funktion des Clowns ist das Schaffen von menschlicher Nähe. Und die zentralen Elemente sind der Blickkontakt und jene Anregungen, die die Sinne stimulieren und Assoziationen mit lebensgeschichtlich alten Reminiszenzen ermöglichen: körperliche Berührungen (S. 150), musikalische (z.B. gemeinsames Singen, S. 109) und visuelle Erlebnisse (z.B. Betrachten von Spielpuppen und Scherzartikeln), das Riechen von Duftstoffen (z.B. Mottenkugeln, Bohnerwachs, Kaffee, Kölnisch Wasser, S. 128). Dadurch können Stimmungen geschaffen werden, die ein Feld lebensgeschichtlicher Zusammenhänge (wieder) eröffnen. Und unter dieser Voraussetzung wird es dem Clown möglich, einem Menschen mit Demenz sein Selbst temporär wiederzugeben (S. 111).

Doch die eigentliche Intention des Clowns wird von seiner Absichtslosigkeit bestimmt: Er hat kein therapeutisches Ziel. Der einzige Zweck seines Tuns ist die spielerische Begegnung, die sich gerade im Rahmen nonverbaler Kommunikation entbindet (Kap. 13). Von dieser Freiheit profitieren alle. Die Bewohner wie die Pflegekräfte, weil sich die Atmosphäre im Haus verändert, wenn ein Clown da ist. Zudem erfüllt der Clown in dem anstrengenden, reglementierten Alltag zumindest zeitweise die Sehnsucht nach Spielfreude, menschlicher Nähe und emotionaler Leichtigkeit.

Fazit: Ein wertvolles Buch, das viele theoretische Informationen vermittelt, konkrete Anregungen zur alltäglichen Pflegepraxis gibt und auf eine sehr authentische Weise zeugt, wie segensreich sich therapeutischer Humor in der Arbeit des Clowns auswirken kann.

Dr. Michael Titze


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