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Rotkäppchen

Rotkäppchen (aus Sicht der Großmutter)

Dr. Claudia Ackermann und Dietmar Götz

Die Großmutter stand in ihrem kleinen Haus mitten im dunklen Wald vor dem Spiegel, betrachtete sich andächtig und summte beschwingt vor sich hin:

Ich zieh` das kleine Schwarze an

und warte auf den Jägersmann.

Sie richtete das Bett, versprühte Rosenduft im Zimmer und schürte das Feuer im Ofen.
Es wurde wohlig warm. Dann rief sie ihre Tochter an, um den für heute geplanten Besuch abzusagen:

Ich fühl´ mich krank und klapperig

und hab` heut` keine Zeit für dich.

Sie zog ihre Lippen nach und nahm eine Flasche Jägermeister aus dem Schrank.
Was die Großmutter aber nicht wusste: Ihre besorgte Tochter schickte die rotbemützte Enkelin zu einer Besorgung:

Geh` die Großmutter besuchen,

bring ihr Wein und guten Kuchen.

Bei sich dachte sie aber:

Die Alte ist `ne Tolle,
da mach` ich `ne Kontrolle.

Die Großmutter hörte ein Kratzen an der Tür.

Herein! hauchte sie.

Und herein kam eine große, dunkle, nackte, behaarte Gestalt. Die Großmutter bekam große Augen und fragte fassungslos:

Wolf?- gang?

Der Wolf fragte:

Deine Augen sind so groß,
sag` nur Schatz, was hast du bloß?

Großmutter:

Heute kommt der Jägersmann, du bist doch erst morgen dran!

Doch der Wolf ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen und vernaschte die Großmutter. Der Jägersmann kam zu spät.

(sehr frei nach Grimm)