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Zum Glück:Hirschhausen

Eckart von Hirschhausen / Manfred Osten: Zum Glück:Hirschhausen, Edition Stiftung Schloss Neuhardenberg, Berlin 2010, ISBN 978-3-940737-78-6, 55 Seiten, 5.00 Euro.
 
Es gibt Lektüren, die ruhige Stunden mit Leben erfüllen. Das Buch Zum Glück:Hirschhausen ist sicher in diese Kategorie einzuordnen. Es dokumentiert ein öffentliches Gespräch des Kabarettisten und Mediziners Eckart von Hirschhausen mit dem Kulturwissenschaftler Manfred Osten. Es ist ein Hochgenuss, den geistigen Wegen der beiden Protagonisten zu folgen, wenn sie über den Sinn und den Unsinn der Glückssuche nachdenken. In der Schinkel-Kirche in Neuhardenberg haben Hirschhausen und Osten gesessen, als sie die geistreiche Konversation gepflegt haben. Sie überzeugen den Leser nicht nur inhaltlich. Sie zeigen, dass es der nachdenklichen, ja geradezu kontemplativen Orte im Alltag bedarf, um über eigentliche Fragen des Alltags sinnieren zu können.
 
Hirschhausen macht schon zum Auftakt des Gesprächs klar, von welchen Prämissen er ausgeht. Unter anderem betont er, dass das eigentliche Gegensatzpaar Glück und Depression sei. Glück sei maßgeblich ein soziales Phänomen, ein Resonanzphänomen, ein In-Beziehung-Sein (8). Der Depressive kapsele sich jedoch ab. Diese Abgrenzung erscheint allzu deutlich. Doch gelingt es Hirschhausen innerhalb des inhaltlichen Austauschs, immer auch das Graue zu betonen und sich nicht auf die Schwarz-Weiß-Muster von Vorstellungen zu beschränken.
 
Die Welt sei viel komplexer als dass es sich lohne, sie in Kategorien einzusortieren. Im Lachen lachten wir Menschen über die Widersprüchlichkeit der Welt, stellt Hirschhausen fest. Deswegen sei Lachen eine tiefe Möglichkeit der Erkenntnis (20), wie er meint. Diese Sicht der Dinge ist unter den Menschen, die sich mit dem unterhaltenden, aber auch dem therapeutischen Humor beschäftigen, kein common sense. Humor und Lachen bieten sich an als Möglichkeit der Reflexion in dem Bemühen, die Dinge immer auch positiv zu wenden.
 
Osten und Hirschhausen kommen in dem Diskurs auch zur Frage, wieso man sich mit dem Glücklichsein so schwer tue. Hirschhausen erläutert, dass es in der abendländischen Kultur einen Irrglauben gebe. Unter anderem begründet er, dass das Bedürfnis, mit einem anderen die komplette Verschmelzung zu erleben (25), infantil sei. Diese Sehnsucht nach Einswerden und Perfektion habe etwas mit fehlender Spiritualität zu tun.
 
Wenn er in dieser Weise argumentiert, ist Hirschhausen sicher recht zu geben. Die Polarität des Lebens wird in den zahllosen Glücks-Diskussionen nicht ausreichend gewürdigt. Auch die Menschen, die sich mit dem Humor beschäftigen, vernachlässigen sicher oft, dass zum Lachen auch das Weinen gehört. Viel schlimmer ist sicher, dass es immer seltener wird, sich mit den Grundlagen von Fragestellungen auseinanderzusetzen und eigene Positionierungen zu erarbeiten. Die Tiefgründigkeit, die im Alltag fehlt, lassen Osten und Hirschhausen in dem geistigen Austausch aufblitzen.
Während ich mit einer Tasse Kaffee auf dem Sessel hocke, mich an dem Buch Zum Glück: Hirschhausen erfreue, wächst in mir die Idee, dass es eigentlich häufiger solcher handlicher Lektüren bedarf, um sich trotz allem tiefgründig mit Grundsatzfragen auseinanderzusetzen. Danke für das Atemholen.
 
Christoph Müller